Suheil Semdan (6)

Der Krieg hat ihm alles genommen. Auch seine Sprache.

Das Flüchtlingselend in Syrien reisst nicht ab. Mehr als elf Millionen Menschen wurden seit Kriegsausbruch vertrieben, vier Millionen haben das Land verlassen und sind in Nachbarländern wie Jordanien gestrandet. Hier lebt auch der 6-jährige Suheil mit seiner Familie. Angst und Schrecken haben ihm seine Sprache genommen, auch nach der Flucht bleibt er stumm.

Vor drei Jahren ist Suheils Familie aus Syrien geflüchtet. Vater Muhamad hatte an Demonstrationen teilgenommen, wurde verhaftet und aufs Schlimmste gefoltert. Seither ist der ehemalige Bauarbeiter am Bein gelähmt und kann kaum mehr gehen. Die rettende Grenze zu Jordanien war erst nach wochenlangen Irrwegen zu Fuss erreicht.

Doch auch Jordanien ist kein sicherer Hafen: «Im Flüchtlingslager Zaatari kann man die Kinder nicht alleine draussen spielen lassen, es ist zu gefährlich», sagt Muhamad. Es sind acht kleine Kinder, um deren Sicherheit er bangt – die Familie zieht weiter. Ihre erste Unterkunft verlieren sie schon bald wieder, der Vermieter stellt die Familie auf die Strasse, als die Miete nicht fristgerecht eintrifft.

Die lange, schreckliche Flucht schlägt tiefe Wunden. Die Familie hat alles verloren, Suheil auch seine Sprache. «Im Lager konnte er plötzlich nicht mehr sprechen. Das hat sich seither nicht gebessert und ich mache mir grosse Sorgen», erzählt der Vater.

Und jetzt in Irbid: zwar eine sichere Unterkunft, aber zu klein und heruntergekommen, die Miete hoch. Die Armut ist gross, der Alltag trostlos. Suheil und seine sieben Geschwister bleiben meistens in der Wohnung, weil die Eltern Angst haben. Oft spielt der Vater mit ihnen, in seiner unendlich liebevollen Art. Im Winter, wenn die Temperaturen unter null Grad sinken, rücken alle zusammen und packen sich in Decken ein. Der kleine Heizstrahler vermag nur wenig Wärme zu geben. Gas zum Heizen ist nebst Miete und Ernährung zu teuer.

Eine Arbeit dürfen Flüchtlinge in Jordanien nicht annehmen. Wer gegen das Verbot verstösst, wird zurück nach Syrien geschickt. «Wir haben kein Geld, und nun kürzt die UNO die Lebensmittelgutscheine. Wovon sollen meine Kinder leben?» sagt Muhamad. «Aber zurück nach Hause können sie auch nicht. Alles ist zerstört und ohne Dokumente können wir nicht beweisen, dass der Boden, auf dem früher unser Haus stand, uns gehört.»

Ein Lichtblick für Suheil ist die Geburt seines Bruders Amer. «Er hält den Kleinen immer in den Armen und versucht ihn zu schützen», erzählt die Mutter. Das Baby fühlt sich bei ihm geborgen und schläft seelenruhig. Seit der Flucht sucht Suheil seine Sprache und Sicherheit, die er zumindest seinem Bruder schenken kann.

Gefangen im Vakuum der Flucht lebt die Hoffnung an einem kleinen Ort. Caritas hilft: mit Lebensmittelgutscheinen, Mietzuschüssen und psychologischer Betreuung der traumatisierten Kinder – konkrete Überlebenshilfe und Begleitung für syrische Flüchtlinge auf dem noch langen Weg in eine neue Zukunft.

Über Suheil und seine Familie

Familienmitglieder:
Vater, Mutter, 8 Kinder zwischen 2 Monaten und 14 Jahren

Herkunft:
Geflohen aus Deraa (Syrien) nach Jordanien, auf der Flucht seit August 2012.

Einkommen:
Kein Einkommen, pro Monat 160 Franken Einkaufsgutscheine vom Welternährungsprogramm, ab April 2015 zusätzlich Lebensmittelgutscheine und Mietzuschüsse der Caritas.

Situation:
Winzige Wohnung ohne Heizung, 2 Zimmer für 10 Personen, schlechter Zustand, Miete 150 Jordanische Dinar (210 Franken)

Leben im Stall – zu Wucherpreisen

Mehr als 600 000 syrische Kriegsvertriebene leben aktuell in Jordanien, die meisten von ihnen im Norden des Landes. In manchen Gebieten hat sich die Wohnbevölkerung dadurch mehr als verdoppelt: und die Wohnungsnot schafft Wucher. Die meisten Flüchtlingsfamilien leben in miserablen Unterkünften und bezahlen dafür einen hohen Preis.

Noch schlimmer als Suheil trifft es die Familie Alsmadi: Sie lebt in einem Stall am Stadtrand. Wo früher Schafe blökten, leben heute mehrere Flüchtlingsfamilien in einzelnen Abteilen. Zu horrenden Preisen, bei unzumutbaren Lebensbedingungen: «Es gibt kein fliessendes Wasser hier, auch das müssen wir kaufen», sagt Vater Waled.

Sein Sohn Souad ist zehn Jahre alt und der einzige der Familie, der Geld verdient. Nach der Schule sammelt er altes Brot, trocknet es an der Sonne und verkauft es an die Bauern für die Schafe. Souad stottert schwer. Seine Mutter erzählt: «Bei einem Bombenangriff in unserer Heimatstadt Homs hat er sich in einem Auto versteckt. Wir haben ihn verzweifelt gesucht, aber erst abends gefunden. Seither kann er nicht mehr richtig sprechen.»

Trotzdem übernimmt das Kind auf bewundernswerte Weise Verantwortung für die ganze Familie. Denn wenn der Vater arbeitet ist das Risiko zu gross, dass ihn die Polizei aufgreift und zurück nach Syrien schickt. So wird Souad zum kleinen Helden ohne Sprache.

Schenken wir syrischen Flüchtlingen wieder eine Stimme – und Zukunft.
Mit Ihrer Hilfe kann Caritas in der grössten Not helfen.

  • Hier wohnt die syrische Familie Alsmadi. Der Besitzer hat den Schafstall in Abteile unterteilt und vermietet sie zu Wucherzinsen an Flüchtlinge.

  • Souad (10) stottert seit einem Bombenangriff schwer. Trotzdem trägt er zum Familieneinkommen bei.

  • Er sammelt altes Brot, trocknet es an der Sonne und verkauft es an Bauern für ihre Schafe.

  • Die Schwestern Fadmah (7) und Basmala (5) sind auf der Flucht schwer erkrankt. Die Familie musste 12 Tage unter freiem Himmel warten, bis sie sich über die Grenze in Sicherheit bringen durften.

  • Zum Spielen gibt es hier kaum etwas. Basmala beschäftigt sich mit den Überresten eines Trottinetts vom Müll.

  • Oder sie hilft ihrer Schwester Alia (11), eine Mauer aus Steinen zu bauen. «Das ist mein Lieblingsspiel», sagt Alia.

  • Im Winter sinken die Temperaturen immer wieder unter den Gefrierpunkt. Der Gasherd dient dann als Ofen zum Aufwärmen.

  • 14 Jahre lang hat Vater Waled Hochhäuser gebaut. Jetzt ist alle zerstört. Wie soll er seinen Kindern eine Zukunft bieten?

Zhara (8), Syrien

«Denke ich an den Angriff, tut mein Herz weh»

Ihre Spende für syrische Flüchtlingsfamilien

Jeder Franken, der gespendet wird, kann Caritas dafür einsetzen, dass syrische Flüchtlinge Essen haben, wohnen können und im Winter gegen die Kälte geschützt sind.

Das tut Caritas ganz konkret:

  • Caritas versorgt in Jordanien die ärmsten unter den syrischen Kriegsvertriebenen mit Lebensmittelgutscheinen. 1500 Familien können sich damit in den örtlichen Läden kaufen, was sie am dringendsten benötigen.
  • Die Familien erhalten Mietzuschüsse sowie Hilfe, wenn in ihren Unterkünften dringende Verbesserungen anstehen. Caritas richtet Heisswasserboiler ein, verteilt im Winter Heizstrahler und Decken oder nimmt Reparaturen vor.
  • Auch in Syrien selbst ist Caritas aktiv. Sie unterstützt Suppenküchen in Aleppo und Damaskus und ermöglicht täglich 7000 Menschen eine warme Mahlzeit.
  • Im Nordirak unterstützt Caritas syrische Flüchtlingskinder und verschafft ihnen Zugang zu Schulbildung.
  • Seit Ausbruch der Syrienkrise hat Caritas Nothilfe-Projekte in der Höhe von 12 Millionen Franken durchgeführt und damit in Syrien, Jordanien, Libanon, Nordirak und der Türkei rund 250 000 Menschen geholfen. Weitere Projekte sind in Planung.