Silvana Suter (32)

Ein ganzer Lohn und trotzdem arm

Rund 250 000 Eltern und Kinder leben in der reichen Schweiz unter der Armutsgrenze und können kaum am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Viele von ihnen sind Working Poor: Menschen, die trotz Arbeit zu wenig für den Lebensunterhalt ihrer Familie verdienen. Zu ihnen gehört auch die Familie von Silvana Suter.

Die Geschichte der Familie lautet in einem Satz: Flucht vor der Armut und zurück. Denn der Vater der 32-jährigen Argentinierin war Schweizer: Seine Familie war ausgewandert, um in Südamerika ein besseres Leben anzufangen. Angesichts der wirtschaftlichen Not in Argentinien nutzte Silvana Suter, inzwischen verheiratet und Mutter von drei Kindern, ihren Schweizer Pass, um einen Ausweg für die Familie zu finden. Sie siedelte vor vier Jahren in die Schweiz über. Hier hat die Familie zwar ein Dach über dem Kopf, zu essen und warme Kleider. Aber auch in der Schweiz zählen sie zu den Ärmsten. Ohne Ausbildung muss sich Silvana Suters Mann mit einer Vollzeitstelle als einfacher Arbeiter begnügen, die der fünfköpfigen Familie inklusive Kinderzulagen nicht genug zum Leben einbringt. Silvana Suter bezieht Sozialhilfe und arbeitet, vermittelt von der Sozialhilfe, halbtags beim Caritas-Markt. «Was uns helfen würde, wäre eine richtige Anstellung für mich», sagt sie. Doch eine solche zu finden ist schwierig, mit schlechten Deutschkenntnissen und ohne Berufsabschluss.

Tiefe Löhne, soziale Isolation

«Die Lage in Argentinien wurde für uns immer auswegloser. Die Preise stiegen, die Löhne blieben gleich tief», erzählt Silvana Suter von der harten Vergangenheit. «Wenn wir Schuhe für die Kinder brauchten, mussten wir Hunger leiden. Schulsachen konnten wir nicht bezahlen, und im kalten und nassen Winter wurden wir in unserem schlecht isolierten Haus krank.»

Doch auch in der Schweiz reicht das Geld nicht. Die Wohnung ist eng, sämtliche Möbel übernahm die Familie von einem Nachbar. Lebensmittel werden fast ausschliesslich im Caritas-Markt bezogen, und am Freitag erhält Silvana Suter zusätzlich Esswaren beim Projekt «Tischlein deck dich». Die finanzielle Einschränkung führt auch dazu, dass die Familie am sozialen Leben kaum teilhaben kann. Die Eltern und die drei Kinder kennen seit ihrer Rückwanderung vor vier Jahren erst ihren Wohnort Winterthur sowie Zürich, wo Verwandte leben.

Ausflüge mit der ganzen Familie, zum Beispiel ins Technorama gleich um die Ecke oder in den Zürcher Zoo kommen nicht in Frage, geschweige denn Ferien.

Und es mangelt an sozialen Kontakten. «Wir haben schon mehrmals erlebt, dass die Leute sich abwandten, wenn sie von der Sozialhilfe erfuhren», sagt Silvana Suter.

Alles für die Kinder

Im Moment ist der Spielraum für Veränderungen eng und es zeichnet sich kein Ausweg aus der Armut ab.

Um ein bisschen Farbe in den Alltag zu bringen, hat die Familie nun mit einem Ritual begonnen: Wenn der Lohn des Vaters eintrifft, erhalten alle einen kleinen Geldbetrag. Jeder schreibt seinen Namen auf einen Zettel. Die Namen werden in einer Büchse gemischt, und alle ziehen einen Zettel. Bis Ende Monat macht dann jedes Familienmitglied der entsprechenden Person ein kleines Geschenk. «Das ist immerhin ein kleines Projekt und macht ein bisschen Freude», sagt Silvana Suter. Und sie zeigt auf ein farbiges Armband aus Glasperlen an ihrem Arm, das sie so von ihrer jüngsten Tochter geschenkt bekam. «Sie war tagelang ganz aufgeregt und konnte ihr Geheimnis kaum für sich behalten.»

«Wir sind dankbar und glücklich, dass uns der Staat so unterstützt», sagt Silvana Suter. «Doch die Abhängigkeit, das ständige Sparen und die Einsamkeit machen uns traurig.» Trotzdem würde die Familie wieder gleich entscheiden, hätte sie eine zweite Chance: «Im Gegensatz zu Argentinien können wir hier in der Schweiz die Bedürfnisse unserer Kinder erfüllen. Hier besuchen sie die Schule und werden jene Ausbildung machen, die uns selbst versagt blieb. Dass unsere Kinder es besser haben werden, das ist unsere Hoffnung.»

Über Silvana und ihre Familie

Name:
Silvana Suter

Nationalität:
Schweiz/Argentinien

Kinder:
Ein Sohn (15) und zwei Töchter (8 und 10)

Wohnort:
Eine kleine Vierzimmerwohnung in Winterthur

Beruf:
Arbeitet halbtags im Caritas-Markt Winterthur, vermittelt vom Sozialamt. Silvana Suters Mann verdient mit seiner Vollzeitstelle als einfacher Arbeiter nicht genug, um die Familie durchzubringen.

Familienstand:
Verheiratet

Armutsgefahr für Familien

Kinder sind in der reichen Schweiz für viele Familien ein Armutsrisiko. Rund 250 000 Eltern und Kinder leben unter der Armutsgrenze: Sie wohnen oft in zu kleinen, lärmbelasteten Wohnungen, müssen mit gesundheitlichen Einschränkungen kämpfen, konnten keine berufliche Ausbildung absolvieren, haben keinen festen Arbeitsplatz und können nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Armutsbetroffenen mangelt es an konkreten Handlungsperspektiven und Lebenschancen.

Im internationalen Vergleich investiert die Schweiz wenig in die Unterstützung von Familien. Dabei sind die Kosten für Kinder hoch und die soziale Absicherung ist besonders bei tiefen Löhnen oder bei Teilzeitarbeit ungenügend.

Eine gute Familienpolitik muss aus Sicht der Caritas unter anderem die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf auch für Armutsbetroffene garantieren und den Zugang zu früher Förderung für Kinder sowie zu Berufs- und Weiterbildung für die Eltern verbessern.

«Wir haben schon mehrmals erlebt, dass die Leute sich abwandten, wenn sie von der Sozialhilfe erfuhren»

Ihre Spende für armutsbetroffene Familien in der Schweiz

Mit Ihrer Spende können Sie Familien am Existenzminimum ganz entscheidend entlasten. Darüber hinaus stärken Sie das politische Engagement der Caritas für die Bekämpfung von Armut.

Konkret:

  • Sozial- und Schuldenberatung:
    Bei den Sozial- und Schuldenberatungsstellen von Caritas erhalten Menschen in schwierigen Lebenssituationen kompetente Hilfe.
  • Caritas-Markt:
    In den 24 Caritas-Märkten erhalten Armutsbetroffene gesunde Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs zu stark vergünstigten Preisen.
  • Caritas-Secondhandläden:
    Die Läden der Caritas bieten preiswerte Schuhe und Kleider für Gross und Klein, in bester Qualität.
  • KulturLegi:
    Mit der KulturLegi von Caritas können Familien mit wenig Geld viele Weiterbildungs- und Freizeitangebote zu reduzierten Preisen besuchen, bei Sport-, Bildungs- und Kultureinrichtungen. Dies schützt vor Ausgrenzung und Isolation.
  • Gratis-Ferien:
    Ferien liegen oft nicht drin. Doch zusammen mit der REKA und Sunstar Hotels können armutsbetroffene Familien eine Woche gratis Ferien machen.
  • Mit mir:
    Caritas-Patinnen und Paten verbringen regelmässig Zeit mit benachteiligten Kindern, die so neue Erlebnisse und Eindrücke gewinnen können. Eine willkommene Auszeit – auch für die Eltern.
  • Politisches Engagement:
    Caritas ruft Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft zum Handeln auf. Eine gute Familienpolitik muss aus Sicht der Caritas unter anderem die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf auch für Armutsbetroffene garantieren und den Zugang zu früher Förderung für Kinder sowie zu Berufs- und Weiterbildung für die Eltern verbessern.