Sayed Mahdi Jamshidi (13)

Angekommen im «Grünland»: Sayed vermisst seine Familie

Der 13-jährige Sayed aus Afghanistan wurde auf der Flucht durch tragische Umstände von seiner Familie getrennt. Der Junge ist kein Einzelfall. Immer mehr Kinder sind auf den gefährlichen Fluchtrouten auf sich selbst gestellt, weil sie ihre Angehörigen unterwegs verlieren oder ihre Eltern sie ins vermeintliche Paradies vorausschicken.

Sayed sagt, er habe sich die Schweiz als «Grünland» vorgestellt. Wenn der 13-Jährige aus Afghanistan heute aus dem Fenster in seinem Zimmer schaut, findet er sich in genau diesem Bild wieder: In der Frühlingssonne blüht die Landschaft in satten Grüntönen auf.

Junge Menschen aus den Krisengebieten der Welt

Sayed lebt im Haus der Jugend in Immensee – zusammen mit 33 Knaben und vier Mädchen. Sie kommen aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Mali, Guinea und Syrien, und sie sind zwischen 13 und 18 Jahre alt. Im Fachjargon heissen sie UMA – Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende. Es sind Kinderflüchtlinge, die alleine Tausende von Kilometern zurückgelegt haben, in der Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg und Armut. Ihre Geschichten erzählen von Gewalt, Leid und Verlust und wollen so gar nicht in dieses Idyll im Herzen der Schweiz passen.

Flucht vor den Taliban

In Afghanistan wird Sayeds Familie immer wieder von den Taliban schikaniert und bedroht. Die Eltern entscheiden mit ihren drei Kindern zu flüchten. Sie durchqueren Pakistan, reisen in den Iran und in die Türkei, wo sie auf dem Seeweg weiter nach Griechenland wollen. Zusammen mit anderen warten sie auf die Abfahrt. Plötzlich drängt eine Gruppe von Flüchtlingen auf das Boot. Der damals elfjährige Sayed wird mitgerissen, verschwindet in der Menge und verliert dabei seine Eltern und Geschwister aus den Augen. «Ich dachte, dass sie sich im hinteren Teil des Bootes aufhalten würden», sagt Sayed. Aber als er in Griechenland von Bord geht, sind sie nicht unter der Passagieren.

Sayed setzt seine Odyssee gemeinsam mit einem anderen Jungen aus Afghanistan fort. Tag und Nacht sind sie unterwegs. Sie gehen zu Fuss, quetschen sich in überfüllte Autos, fahren im Zug. Zeit zum Rasten gibt es kaum. «Wir haben mal eine halbe Stunde, mal 15 Minuten geschlafen, dann sind wir weitergegangen», sagt Sayed. Die beiden schlagen sich durch auf der Balkanroute und geben aufeinander Acht. «Wir haben uns als Brüder ausgegeben», sagt Sayed. Wie Brüder sind sie auch den Weg in die Schweiz zusammen gegangen, und seit August 2016 teilen sie sich ein Zimmer im Haus der Jugend, das von Caritas Schweiz im Auftrag des Kantons Schwyz geführt wird. «Wir sind die allerbesten Freunde», sagt Sayed.

Ein fast normales Leben

Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Aufstehen, frühstücken, aufräumen, Schule, Hausaufgaben, Fussballtraining. Der 13-Jährige lebt in festen Strukturen und wird sieben Tage in der Woche von einem Team der Caritas betreut. Das ist nicht überall so. Die Uno rügte die Schweiz unlängst dafür, dass die Kinderrechtskonvention in den Kantonen sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Obwohl minderjährige Flüchtlinge Anrecht haben auf schulische Förderung, besondere Betreuung und eine altersgerechte Unterbringung, leben sie in einigen Kantonen in Kollektivunterkünften zusammen mit Erwachsenen und sind dort weitgehend sich selbst überlassen.

Eine Beiständin und eine Bezugsperson sind für Sayed da, wenn er Probleme und Fragen hat – soweit das eben geht. «Sie machen ihre Arbeit gut. Aber niemand kann die Liebe eines Vaters oder einer Mutter ersetzen», sagt er. Die Beiständin Eleonora Meier schenkt Sayed einen tröstenden Blick und meint: «Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.» Und es gibt Grund zur Hoffnung. Der Suchdienst des Roten Kreuzes unterstützt Sayed und versucht seine Eltern und seine Geschwister zu finden.

Mit Kraft, Energie und Ausdauer

Die Sorge um seine Familie lässt sich nicht wegreden. Trotzdem fühlt sich Sayed in «Grünland» angekommen. Dazu beigetragen hat auch sein Status. Er besitzt den Ausweis B. Sayed weiss, dass er bleiben darf, weil er als Flüchtling anerkannt ist. Das erzeugt zuweilen Neid bei seinen Mitbewohnern, die noch im Asylverfahren stecken oder die vorläufig aufgenommen sind. Das bange Warten auf den Entscheid, die Unsicherheit und die Angst weggewiesen zu werden in eine noch unsicherere Zukunft – das alles wirkt zermürbend.

Der 13-Jährige blickt vorwärts. Er hat die Welt erreicht, von der er geträumt hat. Seinen Platz darin muss er erst noch finden. Es gilt, neue Regeln, Gesetze und eine fremde Sprache zu lernen. Aber Sayed ist ein rühriger und aufgeweckter Junge. In nur kurzer Zeit hat er den Sprung von der Integrations- in die Regelklasse geschafft. Heute drückt er in Küssnacht zusammen mit Schweizerinnen und Schweizern die Schulbank. Sein Lieblingsfach ist Mathe. Sayed will Banker werden und sagt voller Zuversicht.

Zu Sayed Mahdi Jamshidi und seiner Familie

Name:
Sayed Mahdi Jamshidi

Alter:
13

Herkunft:
Geflohen aus Afghanistan.

Familienmitglieder:
Vater, Mutter, Schwester, Bruder. Sayed wurde auf der Flucht von seiner Familie getrennt.

Wohnort:
Haus der Jugend in Immensee.

Traumberuf:
Bankangestellter

Hobby:
Fussball

Kinderflüchtlinge benötigen besonderen Schutz

Kinderflüchtlinge haben Anspruch auf einen besonderen Schutz des Landes, in dem sie sich aufhalten. Die Kinderkonvention der Uno verlangt von ihren Unterzeichnerstaaten Betreuung und eine Rechtsvertretung im Asylverfahren sowie die Unterbringung in einer altersgerechten Unterkunft. In den Kantonen treffen die unbegleiteten Kinderflüchtlinge sehr unterschiedliche Verhältnisse an. Der Uno-Ausschuss für die Rechte des Kindes kritisierte die Schweiz vor zwei Jahren dafür, dass die besonderen Schutzbedürfnisse der unbegleiteten Asylsuchenden nicht in allen Kantonen ausreichend berücksichtigt werden. 2016 haben die kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) Mindeststandards für den Umgang mit Kinderflüchtlingen definiert, mit dem Ziel zwischen den Kantonen eine Harmonisierung zu erreichen. Die Empfehlungen der SODK sind für die Kantone und Gemeinden allerdings nicht zwingend.

In den letzten Jahren sind immer mehr Kinderflüchtlinge in die Schweiz eingereist und haben um Asyl ersucht. Die wichtigsten Herkunftsländer sind Eritrea, Afghanistan, Somalia und Syrien. Die Jugendlichen, die alleine in der Schweiz ankommen, befinden sich in einer schwierigen Situation. Sie sind auf sich gestellt – in einer Gesellschaft mit einer für sie fremden Kultur und einer Sprache, die sie nicht beherrschen. Zudem sind viele Kinderflüchtlinge traumatisiert.

«Ich bin jung, ich lerne viel und habe gute Noten. Ich muss es einfach schaffen.»

Die Hilfe der Caritas für Kinderflüchtlinge in der Schweiz:

  • Familienplatzierungen für Kinderflüchtlinge
    Caritas platziert minderjährige unbegleitete Flüchtlinge bei dafür ausgebildeten Pflegefamilien. Die Kinder werden in ihrer Entwicklung und Adoleszenz gezielt betreut, gefördert und begleitet.
  • Betreuung und Bildung im Haus der Jugend in Immensee
    Caritas führt das Haus der Jugend im Auftrag des Kantons Schwyz. Die Kinderflüchtlinge erhalten schulische Bildung, werden auf das Berufsleben vorbereitet und haben feste Tagesstrukturen. Alle Kinder werden von einer Beiständin (während des Verfahrens von einer Rechtsvertretung) und einer Bezugsperson begleitet.
  • Betreuung und Bildung «Haus der Bildung und Integration» in Matran (FR)
    In der Unterkunft in Matran werden Kinderflüchtlinge ab Oktober 2017 bei der sozialen und beruflichen Integration unterstützt.
  • Sozialdienst und berufliche Integration in Freiburg
    Ein Team, bestehend aus Sozialarbeiter, Integrationsberaterin, Beistand und Betreuungsperson im Asylzentrum hilft den Kinderflüchtlingen in den Bereichen Schule, Gesundheit und Integration. Bei Volljährigkeit werden sie zusätzlich zur beruflichen Integration unterstützt, eine Wohnung zu finden.
  • Rechtsvertretung von Kinderflüchtlingen
    Caritas Schweiz engagiert sich in der Zentralschweiz und im Kanton Freiburg in der Rechtsberatung und -vertretung von Kinderflüchtlingen.