Olivia Keller (7)

Olivia muss auf vieles verzichten

Olivia stürmt zur Tür herein, «Mami, ich bin zu Hause».  Die 7-Jährige mit den braunen Mandelaugen und den geflochtenen Zöpfchen legt den rosafarbenen Schulthek ab und folgt dem Duft in die Küche. Olivia lebt mit ihrer Mutter Sarah und ihrem Bruder Alex (3,5) in Baar – mitten im Steuerparadies. Hier gibt es Häuser in bester Hanglage mit Ausblick auf den Zugersee. Zürich ist mit dem Zug in weniger als 30 Minuten erreichbar. Doch von den Standortvorzügen kann die Familie Keller nur träumen. Hinter der gelben Fassade ihres Wohnblocks ist die Realität eine andere: Drei kleine Zimmer, Strassenverkehrslärm, Abgase. Ein Auto können sie sich nicht leisten, auch Bahn, Bus und Tram sind zu teuer. Ihr einziges Fortbewegungsmittel ist das Fahrrad.

Dass ihr Leben anders ist, als das ihrer Gspänli hat Olivia bereits im Kindergarten erahnt. Es ist kurz vor Weihnachten als die Frage aus ihr herauspurzelt. «Mami, die anderen Kinder haben Spielsachen in ihrem Adventskalender. Wieso habe ich nur Schoggi?»

«Das liegt nicht drin», «entweder oder» und «warum dürfen andere und ich nicht?» Solche Sätze hört man häufig bei den Kellers. Das macht der Mutter das Herz schwer. «Es ist unschön, wenn man seinem Kind nicht viel bieten kann», sagt sie. Sarah Keller ist mit Olivia aus Jamaika in die Schweiz zurückgekehrt, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Der Neustart ist hart. Die gelernte Kauffrau arbeitet zwar Teilzeit in einem Fitnesstudio – aber zum Leben reicht es nicht. Die kleine Familie ist auf Sozialhilfe angewiesen. Und Sarah hat keine Familie, die sie unterstützt. Wenn sie krank und auf Hilfe angewiesen ist, nimmt Olivia ihrer Mutter Aufgaben ab, begleitet Alex in die Kita und kauft ein. «Als es Mami zuletzt schlecht ging, habe ich in der Migros Cola für sie geholt».

Keine Reserve für Notfälle

Immer ist zu wenig Geld da und Ende Monat oft gar keines mehr – etwa wenn Olivia und Alex Medikamente gegen ihr Asthma benötigen oder der Fahrradreifen platzt und dringend repariert werden muss.  «Die Tage bis zur nächsten Auszahlung des Sozialamts fühlen sich dann sehr lang an», sagt Sarah während sie Alex, der in ihrem Schoss eingeschlafen ist, mit der Hand über den Kopf streichelt.

Wenn die Reserven ausgeschöpft sind, müssen sie alle drei zurückstecken – der Znüni in der Schule besteht dann nur noch aus einem Zwieback und zu Hause wird der Vorrat aufgebraucht. «Wir essen Reis mit Thon und Ravioli aus der Büchse. Das ist zwar nicht gesund, aber billig und macht satt», sagt Sarah Keller.  Als Olivia auf der Strasse Geld findet, drückt sie es ihrer Mutter in die Hand und sagt: «Hier Mami, damit kannst du etwas zu essen kaufen».

Eine ausgewogene Ernährung schlägt im Budget hart zu Buche. Dennoch steht bei den Kellers wenn immer möglich Gemüse auf dem Menüplan. Die alleinerziehende Mutter kauft dort ein, wo es am billigsten ist. Eine App informiert sie jeden Abend über aktuelle Aktionen. «Brauchen wir das? Können wir uns das leisten?».

Statt sich diese Fragen immer wieder zu stellen, würde sie gerne die Wünsche der Kinder auf die Einkaufsliste setzen, Kiri und Babybel für das Znüni einkaufen und frische Backwaren statt bei Aldi das Brot vom Vorabend, das sich aufbewahrt im Plastiksäckli noch ein paar Tage hält.

Wünsche erfüllen

Olivia verschwindet kurz in ihrem Zimmer und kommt wieder mit einem Paar Schuhen. «Sind sie nicht schön?» fragt sie und grinst. Vor allem die bunten Riemchen gefallen ihr. Stolz hebt sie den Arm in einer Geste der Freude. An der Sohle klebt ein roter «Rabatt-Punkt».  Olivia weiss, dass der Preis den Unterschied macht. «Wir kaufen nur Sachen mit einem roten Punkt. Die sind billiger», sagt die Siebenjährige. Für mittlere Wünsche und grosse Träume ist in ihrer Welt wenig Platz. Damit sie den Ballettunterricht besuchen kann, verzichtet ihre Mutter auf neue Kleider, Schminke und Ausgang. «Bei mir hiess es früher immer bei allem es sei zu teuer. Bei meinen Kindern soll es anders sein.»

Manche Herzenswünsche lassen sich nur mit Geduld und Kreativität erfüllen: Der Schulthek war im Angebot, das Hochbett mit Schreibtisch, das sich Olivia zum Schulanfang gewünscht hat, erforderte lange Recherchearbeit auf den Secondhand-Plattformen. Das billigste Angebot ist häufig noch zu teuer. Sarah Keller schreibt dann einen Brief oder erklärt ihre Situation am Telefon, bis jemand den Preis herabsetzt. Für ein Leuchten in den Augen ihrer Tochter ist ihr kein Aufwand zu gross. Mit der neuen Arbeits- und Schlafecke hat die Erstklässlerin endlich einen Ort, wo sie konzentriert und ungestört ihre Hausaufgaben machen kann. Vorerst muss sie diese aber noch im Stehen erledigen –  für den Stuhl hat das Geld nicht gereicht. «Den wünsche ich mir zu Weihnachten», sagt Olivia.

Über Olivia und ihre Familie

Name:
Olivia Keller*

Alter:
7

Familienmitglieder:
Mutter, alleinerziehend, und Bruder Alex

Wohnsituation:
Eine kleine Dreizimmerwohnung in Baar

Beruf:
keine Ausbildung, macht kleine Jobs, würde gerne eine Ausbildung zur Konditorin machen

Beruf der Mutter:
die gelernte Kauffrau arbeitet Teilzeit in einem Fitnesszentrum. Mit dem Einkommen kann die Mutter ihre Familie nicht durchbringen. Sie wird zusätzlich von der Sozialhilfe unterstützt.

Hobby:
Ballett

*Namen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert

Auch in der reichen Schweiz gibt es arme Kinder

76 000 Kinder sind in der Schweiz von Armut betroffen, weitere 188 000 leben in prekären Lebensverhältnissen nur knapp oberhalb der Armutsgrenze. Kinder, die in einer Familie mit vielen Geschwistern oder nur einem Elternteil aufwachsen, tragen ein besonders grosses Armutsrisiko. Einkommensarmut hat für betroffene Kinder und Jugendliche verheerende Folgen: Sie werden häufig stigmatisiert und sozial ausgeschlossen, haben öfter gesundheitliche Beschwerden und mangelnde Perspektiven aufgrund fehlender Bildungschancen.

Im internationalen Vergleich investiert die Schweiz nur sehr wenig in Familien. Während die OECD-Länder durchschnittlich 2,3 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes für Familien aufwenden, liegt die Schweiz mit 1,5 Prozent deutlich darunter.

Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Deshalb braucht es eine investive Sozialpolitik die gleiche Chancen für alle Kinder schafft. Eine gute Familienpolitik muss aus Sicht der Caritas unter anderem die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf auch für Armutsbetroffene garantieren, ihren Kindern den Zugang zu Früher Förderung ermöglichen und Ergänzungsleistungen für Familien einführen.

«Manche Herzenswünsche lassen sich nur mit Geduld und Kreativität erfüllen.»

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Mit Ihrer Spende können Sie Familien am Existenzminimum ganz entscheidend entlasten. Darüber hinaus stärken Sie das politische Engagement der Caritas für die Bekämpfung von Armut.

Konkret:

  • Sozial- und Schuldenberatung:
    Bei den Sozial- und Schuldenberatungsstellen von Caritas erhalten Menschen in schwierigen Lebenssituationen kompetente Hilfe.
  • Caritas-Markt:
    In den 21 Caritas-Märkten erhalten Armutsbetroffene gesunde Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs zu stark vergünstigten Preisen.
  • Caritas-Secondhandläden:
    Die Läden der Caritas bieten preiswerte Schuhe und Kleider für Gross und Klein, in bester Qualität.
  • KulturLegi:
    Mit der KulturLegi von Caritas können Familien mit wenig Geld viele Weiterbildungs- und Freizeitangebote zu reduzierten Preisen besuchen, bei Sport-, Bildungs- und Kultureinrichtungen. Dies schützt vor Ausgrenzung und Isolation.
  • Gratis-Ferien:
    Ferien liegen oft nicht drin. Doch zusammen mit der REKA und Sunstar Hotels können armutsbetroffene Familien eine Woche gratis Ferien machen.
  • Mit mir:
    Caritas-Patinnen und Paten verbringen regelmässig Zeit mit benachteiligten Kindern, die so neue Erlebnisse und Eindrücke gewinnen können. Eine willkommene Auszeit – auch für die Eltern.
  • Politisches Engagement:
    Caritas ruft Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft zum Handeln auf. Eine gute Familienpolitik muss aus Sicht der Caritas unter anderem die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf auch für Armutsbetroffene garantieren und den Zugang zu früher Förderung für Kinder sowie zu Berufs- und Weiterbildung für die Eltern verbessern.
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