Shiekh Alam (60)

Vom Abfallsammler zum Recyclingunternehmer

Die Neuorganisation der städtischen Abfallbewirtschaftung in der indischen Hauptstadt Delhi drängt die Abfallsammler der Slums immer mehr an den Abgrund. Doch für über 50‘000 Menschen allein in den Slums von Jahangirpuri ist das Sammeln, das Sortieren und das Verkaufen von Abfall die einzige Lebensgrundlage. Diese Menschen brauchen Rechtshilfe, Schutz und neue Perspektiven in der Abfallverarbeitung.

Auch der 60-jährige Shiekh Alam verdiente den Lebensunterhalt für seine Familie bis vor kurzem allein mit dieser Arbeit, die sonst niemand freiwillig macht. Aus der Not hat er gelernt, dass Müll nicht einfach nur Müll ist. Auf den riesigen Müllhalden der Stadt sammelte Shiekh alles Verwertbare. Das gab ihm zuletzt einen Tagesverdienst von knapp zwei Franken – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

«Heute arbeite ich in der Fabrik und kann besser für meine Enkel sorgen», sagt Shiekh fast ein wenig stolz, «aber meine Geschichte begleitet mich jeden Tag».

2012 eröffnete Caritas mit der lokalen Partnerorganisation Chetanalaya eine kleine Papiermanufaktur. Aus gesammeltem Altpapier wird neues, hochwertiges Papier produziert und vermarktet. Shiekh Alam erhielt mit einem kleinen Team anderer Abfallsammler eine grosse Chance: Die nötige technische Ausbildung und die Möglichkeit, in der Fabrik mitzuarbeiten.

Auch wenn die junge Fabrik erst noch richtig durchstarten muss, zählen doch schon einige Unternehmen und Einzelpersonen zur Stammkundschaft – und das Modell macht Schule.

Der Ausbau von Abfallverwertungsmöglichkeiten ist nur eine Massnahme, mit der Caritas Schweiz den Abfallsammlern von Delhi ihre Würde zurückgibt.

Über Shiekh Alam

Alter:
60 Jahre

Herkunft:
Westbengalen, Indien

Familie:
verheiratet, sechs Kinder (drei Söhne, drei Töchter), sieben Grosskinder

Situation:
arbeitet seit der Eröffnung 2012 in der Papierfabrik, frühmorgens ist er noch immer als Abfallsammler unterwegs

Einkommen:
300 Rupies pro Tag = CHF 4.70

Überleben mit dem, was andere wegwerfen

Es ist früh morgens um vier. Das Leben in den schmalen, stickigen Gässchen von Jahangirpuri, ein Slum im Nordwesten der indischen Hauptstadt Delhi, erwacht. Von den rund 500‘000 Menschen, die hier zusammengepfercht auf engstem Raum hausen, halten sich rund 50‘000 mit Abfallsammeln unter prekären Umständen über Wasser – darunter viele Frauen, Kinder und ältere Personen.

Noch vor Sonnenaufgang machen sich die Abfallsammler mit ihren dreirädrigen Lade-Fahrrädern auf den Weg. Sie wollen die ergiebigen Müllhalden in Delhis Hinterhöfen noch vor den Arbeitern des städtischen Abfallwesens erreichen.

Plastiksäcke, PET-Flaschen, Kleider, Dosen, Papier und Karton – sie sammeln alles, was sie verwerten und verkaufen können. Für Muslima (36) ist der Überlebenskampf auf der Strasse Alltag geworden, an den beissenden Gestank und die streunenden Hunde und Schweine hat sie sich gewöhnt. Auch in dieser stinkenden Hölle geht manchmal ein kleines Fenster Glück auf: «Am meisten freue ich mich, wenn ich Spielzeug für meine Kinder finde», sagt die siebenfache Mutter mit leisem Lächeln.

Sind die riesigen Sammelsäcke nach endlosen Tagen mit gebücktem Rücken endlich gefüllt, wird die ganze Ausbeute sortiert und verkauft. Für ein Kilo bedrucktes Papier gibt es 15 Rappen; für weisses Papier 30 Rappen und für ein Kilo Plastiksäcke 70 Rappen. So schafft es eine Familie mit Kindern zu einem Einkommen zwischen vier und sieben Franken pro Tag.

Doch einige setzen ihr Leben aufs Spiel

Wem die Sammelroute auf Delhis Strassen zu wenig einbringt, versucht sein Glück auf dem in Rauchschwaden gehüllten Abfallberg Bhalaswa. Hier kippen alle fünf Minuten die Lastwagen des städtischen Abfallwesens den eingesammelten modrigen Kehricht aus.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang stochern täglich Hunderte Frauen, Männer und Kinder zwischen Kühen und Schweinen im Müll – getrieben von der Hoffnung, Wertiges aus besseren Wohngegenden zu finden. Alte Handys, Kupferkabel, Eisen, Haare stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Und dafür riskieren sie viel. Sogar ihr Leben, wenn die gefährlichen Emissionen ihre ungeschützten Atemwege verätzen.

Ihre Spende für die Abfall sammelnden Familien

Die Menschen, die ihr Überleben mit Sammeln von Abfall sichern, scheuen weder Arbeit noch Ekel. Doch was ihnen fehlt, sind Perspektiven. Caritas setzt mit dem Engagement in den Slums von Delhi deshalb auf Rechtshilfe, Schutz und Weiterbildung.

Konkret:

  • Verhandlungen mit Regierungsverantwortlichen für städtisches Abfallwesen
  • Aufbau von Abfallverarbeitungsmöglichkeiten
  • Weiterbildung in Abfallrecycling und dessen Vermarktung
  • Überbrückung in finanziellen Notlagen
  • Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen für die verbesserte Hygiene
  • Integration der Kinder von Abfallsammlern in die öffentlichen Schulen
  • Unterstützung von Lerndefiziten in Nachhilfezentren
  • Krippenplätze für arbeitende Eltern
  • Kinderparlamente mit zurzeit 270 Kindern, die für ihre Rechte einstehen.